Von Viola ter Horst Kreis Coesfeld. Es gibt so viel zu reden. Werner Lensing muss nicht lange nachdenken. Es stehen oft Entscheidungen an, die Gewissenskonflikte auslösen können, sagt der CDU-Bundestagsabgeordnete aus Coesfeld. Darüber könne dann zum Beispiel gesprochen werden beim Gebetsfrühstück. Jeden Freitag treffen sich Politiker aller Fraktionen in Berlin vor den Sitzungen um 8 Uhr zu diesem Gebetsfrühstück, das Lensing leitet. Die Idee wurde Anfang der 80er Jahre aus den USA importiert und hat mittlerweile in vielen Ländern Fuß gefasst. Journalisten sind hier nicht zugelassen, Vertraulichkeit und Diskretion sind oberstes Gebot. Etwa 200 Abgeordnete gehören dem Kreis auf eigenen Wunsch an, der sich immer im Haus der Parlamentarier gegenüber vom Reichstag trifft. 30 bis 50 kommen jeweils, sagt Lensing. Das Treffen beginnt mit einem Frühstück, dann trägt jemand aus dem Kreis einen Text vor, aus der Bibel oder sonst einen Text, der der Person etwas Besonderes bedeutet. Dann wird darüber geredet. Oft gehe der Austausch in eine religiöse oder philosophische Richtung.
Jeder kann in diesem Kreis offen sprechen, niemand muss befürchten, dass er sich an anderer Stelle dafür rechtfertigen muss, sagt Lensing. Hier braucht sich keiner zu schämen. Gerade das sei es, was diesen Kreis ausmacht. Zu dem Gebetsfrühstück sind alle Abgeordneten willkommen, egal, welcher Konfession oder welcher Partei sie angehören. Der Leitgedanke des ökumenischen Gebetsfrühstücks sind die Eingangsworte im Grundgesetz: Im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen. Lensing ist dieser Satz wichtig. Genauso wichtig ist ihm, dass wir kein missionarischer oder frömmelnder Verein sind. Vielmehr sieht er in dem Kreis, der immer nach einer knappen Stunde mit dem gemeinsamen Gebet des Vaterunser endet, eine Stärkung für den politischen Alltag. Bundestagspräsident Wolfgang Thierse habe einmal gesagt, dass man es den Abgeordneten anmerke, wenn sie zuvor beim Gebetsfrühstück waren, berichtet Lensing. Man entwickelt eine andere Streitkultur, meint er. Gesprochen werde beim Gebetsfrühstück auch über Gewissenskonflikte, die bei schwierigen Entscheidungen enstehen können wie bei der Bioethik oder bei Auslandseinsätzen der Bundeswehr, bei der Gesundheitsreform oder bei Abtreibungsregelungen. Oft würden sehr persönliche Erfahrungen ausgetausch bishin zu Grenzerfahrungen zwischen Leben und Tod , und deswegen öffnet sich der Kreis auch nicht für die Medien, erklärt der 64-Jährige. Beim letzten Treffen ging es um Ostern. Anlass, um über Freude nachzudenken. Aber auch über Leid. Für meine Begriffe gibt es keine Freude ohne Leiderfahrung, sagt Lensing. Lensing, der seit 1994 im Bundestag vertreten ist, wurde damals angesprochen, ob er bei dem Gebetsfrühstück teilnehmen wolle. Der Bundestag sei ein riesiger Apparat, er sei froh gewesen, einen Raum gefunden zu haben, wo ich eine gewisse Nähe als Person erfahren kann. 1998 übernahm er die stellvertretende Moderation, seit 2002 leitet er den Kreis. 08. April 2004 | Quelle: Allgemeine Zeitung